Harald Ebner (Bündnis 90/Die Grünen) sieht in Frankreich gleich mehrfach ein Vorbild. Das Land verwirklich nach Ansicht des Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg die richtige Strategie im integrierten Pflanzenschutz. Und Ebner erwartet von Frankreich ein „Nein“ zu Glyphosat.  

Sie beurteilen synthetische Pflanzenschutzmittel sehr kritisch, landwirtschaftliche Praktiker beklagen die schleppende Zulassung neuer Wirkstoffe: Bringen Resistenzzüchtungen mit Methoden wie CRISPR/CAS den Kompromiss?

Harald Ebner: Die „Genschere“ CRISPR/Cas ist keine „Züchtung“, sondern ein Eingriff ins Erbgut – Gentechnik 2.0 also. Bisher sind keine Ansätze erkennbar, Resistenzen mit neuer Gentechnik zu erzeugen. Im Gegenteil weisen die ersten derart geschaffenen und auf den Markt drängenden Pflanzenkonstrukte wieder Herbizidtoleranzen auf. Mit der neuen Gentechnik sind genauso wie mit den bekannten Glyphosat- beziehungsweise Glufosinat-toleranten gentechnisch veränderten Organismen am Ende mehr Pestizide verbunden.

Gegen Resistenzbildung brauchen wir statt Einzeltechnologien ganze Systeme mit sich ergänzenden Maßnahmen. Das zeigen resistenter Ackerfuchsschwanz und Glyphosat resistente Super-Unkräuter!

Harald Ebner

Bundestagsabgeordneter Bündnis 90/Die Grünen

Sprecher seiner Fraktion für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik. Der Agrarwissenschaftler aus Baden-Württemberg ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Im Forschungsausschuss vertritt Ebner die Grünen als stellvertretendes Mitglied

Sie fordern eine Landwirtschaft „mit weniger“ respektive „ohne Pestizide“. Im Umkehrschluss bedeutet das flächendeckende Öko-Landwirtschaft. Skizzieren Sie bitte Ihren Zeitplan.

Ebner: Ökolandbau ist, und das sagt unter anderem der Rat für nachhaltige Entwicklung, der Goldstandard für eine nachhaltige Landwirtschaft. Wir wollen aber, dass die konventionelle Landwirtschaft ökologischer wird. Und das ist machbar: Studien aus Frankreich zeigen, dass ohne signifikante Ertragseinbußen bis zu 60 Prozent weniger Pestizide möglich sind. Bekämen wir integrierten Pflanzenschutz in Deutschland so hin, wäre schon viel getan in Sachen Pestizidreduktion.

Was raten Sie Landwirten weltweit, denen der Totalausfall der Ernte droht, beispielsweise durch neue, hochaggressive Varianten der Pilzkrankheit „Weizenrost“?

Ebner: Die in Europa neu aufgetretenen Rostvarianten werden befördert von Klimaveränderungen, die die Landwirtschaft sowieso schon treffen. Fungizide helfen nicht auf Dauer. Auch gegen bisherige Pilzvarianten resistente Sorten werden angegriffen. Erfahrungen der Agrarforscher in Afrika, die schon länger mit diesen aggressiven Varianten zu tun haben, zeigen: Es gibt Resistenzen in alten Wildsorten, aber es braucht schnell reagierende Züchtungsarbeit.

Für solche Fälle wäre es sinnvoll, in Deutschland mit einer nationalen Züchtungsstrategie, wie sie die Schweiz hat, öffentlich finanzierte, schlagkräftige Forschung zu verankern. Die hat Zugriff auf vielfältiges Gen-Material, kann schneller und unabhängiger agieren.

Gleichzeitig dürfen wir wirksame Klimaschutzmaßnahmen nicht aus dem Blick verlieren, damit durch die Klimakrise nicht die Schädlingsfrage außer Kontrolle gerät. Dazu kann die Landwirtschaft spürbar beitragen.

Wir müssen darüber reden: Glyphosat. Die Landwirte wenden das Mittel seit Jahrzehnten an, Wissenschaftler debattieren über die damit verbundenen Gefahren und Agrarpolitiker sprechen sich für oder gegen den Einsatz aus. Wer entscheidet, was kommt?

Ebner: Die Europäische Kommission hat schon erkennen lassen: Dieses Mal will sie den Mitgliedsstaaten die Entscheidung nicht abnehmen. Sie erwartet ein klares Votum im Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel als Voraussetzung ihrer Entscheidung. Und das heißt: Die Regierungen der Mitgliedsstaaten werden über die Zulassung entscheiden. Frankreich hat schon erklärt, mit „nein“ zu stimmen.

Sie wollen Glyphosat verbieten und keine Importe von – so wörtlich – „Glyphosat-belasteter Soja“. Das bedeutet Autarkie auf heimischer Scholle, oder?

Ebner: Hohe Glyphosat-Rückstände sind vor allem ein Problem von gentechnisch verändertem Soja und Mais. Der Erfolg des Ohne-Gentechnik-Labels, 40 Prozent der Milch in Bayern, das komplette Eigenmarken-Schweinefleisch bei Lidl in Dänemark sowie regional in Deutschland und schon seit Jahren der überwiegende Teil der deutschen Schaleneierproduktion zeigen: Es gibt nicht nur das schwarz-weiß von gentechnisch verändertem Futter oder heimischen Ackerbohnen. Nachfrage schafft Angebot, das gilt auch für Soja frei von Gentechnisch veränderten Organismen und damit frei von Glyphosat.

Dessen ungeachtet ist es für den Klima-Fußabdruck der Landwirtschaft nur gut, wenn ein größerer Anteil des Futters tatsächlich auf dem eigenen Betrieb erzeugt wird.

Das Interview führte Dietrich Holler, vox viridis, Berlin.

Das Gespräch ist am 1. September 2017 im DLG-Mitgliedernewsletter erschienen.